Dialog

 

 

A lþuft mitten auf der Stra§e. K lþuft hinter ihr und filmt sie von hinten.

 

A dreht sich um: Hier irgendwo?

 

K etwas zšgernd, sieht sich um: Jjaa, ich wei§ nicht. Hier ist nicht schlecht.

 

A zieht das Plakattafel vom RŸcken und fþngt an es aufzubauen. K kommt langsam nþher.

 

A: Das Teil ist echt gut geworden! So tragbar! Kann man Ÿberall hin mitnehmen.

 

A sieht sich um:  meinst du eher so quer oder eher É au, Mist!

 

Sie hat sich an der zusammenklappenden Plakattafel den Finger eingeklemmt und lþsst sie auf den Boden fallen. Sie hþlt sich die Hand.

 

K: Wasn passiert?

 

A: Finger eingeklemmt. Schei§teil! Will gegen die Plakattafel treten, beherrscht sich aber.

 

K stellt die Kamera auf den Boden und schaut nach AÕs Hand.

 

K: Nimm du mal die Kamera. Ich bau das Ding auf.

 

A: Was muss ich'n machen?

 

K: Nur draufhalten. Die lþuft schon.

 

A: Wieso mŸssen wir eigentlich alles filmen?

 

K: Na fŸr die Doku. Du bist doch nachher wieder die Erste, die sagt: ohh, hat das irgendwer aufgenommen?

 

K nimmt die Kamera und gibt sie A.

 

K: Hier.

 

A nimmt die Kamera.

 

K: Ich wŸrd's ja eher so aufstellen. Hier so.

 

A: Aha. Aber dann steht's so schief, irgendwie. Ich hþtte eher so, also mehr so gerade gedacht.

 

K: Wie wþr's so?

 

A : So is auch gut.

 

K baut auf.

 

A .: Komisch mit so Õner Doku. Worum's geht, ist doch nachher eh wieder nicht zu sehn.

 

K:  Die Sachen tauchen halt nicht auf, wenn man sie nicht dokumentiert.

 

A:  GehtÕs darum?

 

K: Was?

 

A: GehtÕs darum aufzutauchen?

 

K: Och Mensch! Es muss irgendwo sichtbar werden, nein? WofŸr machen wir das denn sonst? Oder bezahlt dich hier wer?

 

A: Sag mal, quatschen wir Ÿbrigens eigentlich zu viel? Das ist doch nachher alles drauf.

 

K: Da kommt nachher eh Musik drauf. Ich finde Dokus auch immer komisch, aber irgendwie muss man's ja vermitteln. Au§erdem wolln die andern ja auch sehn, wieÕs gelaufen ist.

 

K klemmt sich auch beinahe den Finger. A schaut sich um.

 

A: Kannst du dich eigentlich noch an den ersten autofreien Sonntag erinnern?

 

K: ja, total. Ich war noch ganz klein. Es war irgendwie kalt, weil ich war ganz dick angezogen. Meine Schwester auch. Bei der standen immer die Arme so ab, wenn sie viele Klamotten anhatte. Ich glaube, die hatte gerade laufen gelernt, also die hat sich noch nicht gewundert. Mich hat s aber sehr beeindruckt. Mir ist ja die ganze Zeit eingetrichtert worden, dass man auf gar keinen Fall auf die Stra§e laufen darf. Und plštzlich war alles anders. Ich bin so ... mitten auf die Stra§e gewatschelt mit meiner Schwester. Wir waren den ganzen Tag drau§en. Alle Leute sind auf der Stra§e rumgelaufen. Wie ein Ausnahmezustand war das. Aber ein guter. Das hat sich mir eingeprþgt.

 

A: Stimmt, das war bestimmt so ne Art erste gro§e Ausnahmeerfahrung fŸr viele. So, als wŸrde der Raum plštzlich aus seiner Funktion rauskippen und einfach nur so da sein. Da kann man bestimmt ne gute Zeit haben.

Aber letzten Endes war es ja dann doch eine von oben verordnete Ausnahme. Nicht eine, die aus einer Bewegung raus entstanden ist.

 

K: Ja, aber das wird einem ja erst viel spþter klar. Erst mal sprengt es den gegebenen Handlungsrahmen und das hat auf jeden Fall Potenzial.

 

A leicht ironisch: Sonst wþren ja auch danach nicht die ganzen Fu§gþngerzonen und Stra§enfeste und so was entstanden.

 

K: Echt, sind die Fu§gþngerzonen aus dem autofreien Sonntag entstanden? Das wusste ich gar nicht.

 

A: Keine Ahnung, stell ich mir so vor. Aber auf jeden Fall gab es da so einen Aha-Effekt bei den Leuten mit der ganzen Stra§e ohne Autos. Die waren bestimmt auch verunsichert natŸrlich, weil ihre Mobilitþts- und Wachstumsphantasien plštzlich so ausgebremst wurden. Aber ich glaube, die haben damals wirklich plštzlich fŸr sich diesen neuen Erlebnisraum entdeckt, den sie seitdem in diesen ganzen Rollernights und Stra§enparaden heraufbeschwšren wollen. Die Fu§gþngerzone ist da vielleicht schon die erfolgreichste Version davon, weil man die am besten reintegrieren konnte mit dem ganzen Einkaufswahnsinn.

 

K:  Ja, aber es ging schon auch darum, dass man wirklich eine Mšglichkeit fŸr sich entdeckt, oder? Man muss ja erst mal erleben, was eigentlich mšglich ist, um eine Idee davon zu bekommen. 

 

A: Trotzdem ist es ja auch merkwŸrdig, dass diese Mšglichkeit eigentlich zuallererst mal Ausdruck einer Krise war und eben eigentlich ungebrochen die staatliche Souverþnitþt verkšrpert hat. Nicht obwohl, sondern grade weil es eigentlich eine Krisensituation war. Dass das dann sozusagen die Nebenwirkung hatte, dass die Leute plštzlich merkten, wie gut es sein kann, wenn die Autos weg sind, und da voll drauf abfahrn, das war bestimmt nicht so gedacht.

 

K: Ja, aber genau. Darum gehtÕs. Du bist in einer von oben verordneten Ausnahmesituation, aber du erfþhrst dabei ganz nebenbei, was eigentlich so geht im Leben, au§er von A nach B fahrn oder an der Ampel warten. Das ist bestimmt ein unbeabsichtigter Effekt und trotzdem kannst du den Leuten diese Erfahrung ja nicht wieder wegnehmen. Das prþgt sich ja ein.

 

A ironisch: Genau, und das kannst du dann benutzen, um ihnen noch die zehnte Fuzo unterzuschieben.

ernster: So eine Erfahrung ist einfach total limitiert, eben weil sie trotz Ausnahmezustand im Rahmen einer bestehenden Ordnung stattfindet. Das ist ja das Perverse an so einem Erlebnisraum. Es entsteht im besten Fall eine Mšglichkeit innerhalb dessen was als mšglich definiert wird, selbst wenn es scheinbar au§erhalb dessen liegt.Die Leute rennen dann rum und denken, ãeine andere Welt ist mšglichÒ und in Wahrheit bestþtigen sie das System, indem sie exakt dann auf die Stra§e latschen, wenn man es ihnen erlaubt.

 

K: Aber das ist ja bei Demos auch nicht anders.

 

A: Naja eben, genau.

 

K: Mmm. nickt. Trotzdem gibt es da was drin, was nicht kalkulierbar ist. So ne Erfahrung kann trotzdem initial sein fŸr Sachen, die dein Souverþn nicht kontrollieren kann. Die ganzen Kids, die gegen den Irakkrieg demonstriert haben und dabei eigentlich nur Werbung fŸr Schršder und Chirac gemacht haben. Die haben doch da trotzdem unter Umstþnden was erlebt, was sie fŸr immer verþndert, was anfþngt in ihnen zu arbeiten, was sie unter Umstþnden zu eigenstþndig denkenden Leuten werden lþsst.  Wer wei§, wenn ich damals nicht plštzlich auf der Stra§e rumturnen hþtte kšnnen ...

 

A: Ach, es ist frustrierend, Ÿber so was zu reden. Das macht einem doch nur wieder mal klar, wie beschissen limitiert das ist, was man da versucht.

 

K: Es ist so lange limitiert, bis es plštzlich nicht mehr limitiert ist.

 

A: Das klingt nach Utopie, wie s٤.

 

K macht eine Grimasse: nþ nþ nþ nþ nþ

 

K ist fertig damit, das Plakattafel aufzubauen. Lþuft darum herum und schaut. A folgt ihr.

 

A: Kannst du mir mal eine drehn?

 

K holt den Tabak raus und dreht erst A, dann sich eine. A filmt die Plakattafel.

 

K: Warum ham wir eigentlich das Bild genommen?

 

A: Keine Ahnung, haben wir beim Suchen im Internet gefunden und es hat ganz gut gepasst. Hþtte aber auch Õn andres sein kšnnen.

 

K: Das Zitat ist gar nicht drin ...

 

A: Welches?

 

K: Die Welt dehnt sich zum Zuschauer aus oder so þhnlich. Die Welt expandiert vor dem Zuschauer ... Beobachter. Nee, genau: die Welt ragt in den Beobachter hinein.

 

A: Du meinst das Kissinger-Zitat

 

K: Genau, Kissinger die alte Sau.

 

A: Der Westen ist sich ganz sicher, dass die wirkliche Welt sich au§erhalb des Beobachters befindet und dass Wissen die Aufnahme von systematisierten Daten bedeutet. 

 

K: Genau genau. Und geht dann weiter: Die Gesellschaften in den Entwicklungslþndern haben an einer Sicht wie vor Newton festgehalten, nach der die Welt fast komplett im Betrachter enthalten ist. Warum isn das nicht drin?

 

A þfft K nach: Warum isn dis nich drin.

 

K: Wasn? Sag doch mal, warum haben wir das nicht reingenommen?

 

A hþlt inne, lþsst die Kamera genervt sinken: Kannst du so was das nþchste Mal bitte auf dem Treffen besprechen, wo die Sachen entschieden werden!

 

K: Hey Hey Hey É kein Stress, ok. Welches Treffen war das? Tag, Uhrzeit É

A: Oh Mann. dreht sich weg

 

K: Was denn?

 

A: Wir haben da endlos drŸber diskutiert. Es gab vier inhaltliche Treffen. Auf dreien davon warst du nicht da, auf einem kamst du als wir grade gehen wollten.

 

K: Und was hab ich in der Zeit gemacht? Mmh? Ich hab gearbeitet. Mmh? Schon mal was von gehšrt? Hþtten wir doch Geld beantragt fŸr das Ding, hþtte ich mir das sparen kšnnen und hþtte bei den inhaltlichen Treffen dabei sein kšnnen.

So hab ich halt das Teil gebaut. zeigt auf die Stellwand

 

Beide halten inne, Augenbrauen zucken.

 

K: Jedenfalls A nimmt die Kamera wieder hoch und filmt weiter die Wand fand ich das Zitat wichtig, weil es so stark zeigt, welche Konstruktion von Welt hinter dieser Struktur liegt. Wie der Kapitalismus die Welt gestaltet, wie die Erfahrung verschwunden ist, die persšnliche Erfahrung. Obwohl es die ja weiterhin gibt. Es gibt ja Empirie, aber sie zþhlt halt nix mehr. Sie kommt halt nicht mehr vor, weil man hat ja jetzt das Wissen, man hat ja jetzt die Information, da braucht man die Erfahrung, die persšnliche Erfahrung nicht mehr, um etwas zu gestalten.

Dieses scheinbare ãnicht involviert seinÒ, dieses ãau§en stehen kšnnenÒ und die Dinge betrachten als wþre man so ne Art Megafernrohr, das sich die Sachen beliebig nah ranholen kann, aber eigentlich auf nem anderen Planeten wohnt. Hast du mal dieses Ding von Gramsci gelesen, in den Gefþngnis-TagebŸchern? Da erklþrt er, dass die Macht sich in dir manifestiert, dass historische Prozesse irgendwo in dir ihre Spuren hinterlassen und dass die Auseinandersetzung und die kritische Arbeit damit anfþngt, sich selbst zu kennen, und zu wissen, wie das einen geprþgt hat, wo sich das in einem manifestiert. Praktisch so, als mŸsste man erst mal so ne Inventur mit dem ganzen MŸll machen. Ich finde das ist so, als wŸrde er Kissinger komplett widerlegen. Voll wegbullern! Wusch! Weil die Sachen ja immer gleichzeitig Spuren in einem hinterlassen. Weil man ja gleichzeitig wþhrend man nur beobachtet, auch Teil ist von den Sachen. Die schreiben sich in dich ein, die gehen durch dich durch, ob du willst oder nicht, und ich glaube Kissinger wei§ das eigentlich auch. Er muss es wissen. Ich glaube er hat totale Angst davor, dass sich die Sachen in ihn einschreiben, durch ihn durchgehn. Er will das nicht. Er will total sichergehn, das niemand, niemand sich in ihn einschreibt.

 

A: Die alte Sau!

 

K: Deshalb fþhrt er so auf dieses Modell ab.

 

A: Er hat die Macht. K lþchelt, hþlt eine unsichtbare Fernbedienung

 

K: Er braucht die Macht, damit sich niemand in ihn einschreiben kann.

 

A: Und trotzdem passiert es.

 

K: Er kann es Ÿberhaupt nicht verhindern.

 

A: Er hatÕs voll nicht in der Hand.

 

K: Er hatÕs voll nicht in der Hand, obwohl er glaubt, er hþtte es voll in der Hand. Aber die Information bleibt nicht bei ihm. Die geht einfach weiter und verteilt sich. Geht auch durch uns durch. Wenn er diese …lkrise inszeniert hat, wie so ein TheaterstŸck inszeniert hat, dann ging die auch durch uns durch, seine …lkrise. Und sie hat was verþndert. Aber nicht unbedingt so, wie er das geplant hatte. Dass die Leute die Stra§en ohne Autos erleben, und dass das nie mehr weggeht, weil es eine persšnliche Erfahrung war. Das hatte er nicht einberechnet. Das hat was anderes ausgelšst als er berechnen konnte.

Lþchelt triumphierend

Ach ja

Legt sich hin, eventuell malt sie was mit Kreide auf die Stra§e oder macht einfach so einen Sitzstreik, um die Stra§e zurŸckzufordern.

Du É

 

A: Mmh

 

K: 'tschuldigung, dass ich wieder wegen der Kohle angefangen hab.

 

A: Wir haben beide nicht viel geschlafen.

 

K: Habt ihr auch durchgemacht?

 

A: Na ja, wir haben die Texte zusammengebastelt und dann versucht auszudrucken. Der schei§ Drucker wieder mal.

 

K: Wo hatten wir das Kissinger-Zitat nochmal her?

 

A: Wei§ ich nicht mehr.

 

K nimmt die Zigaretten.

 

K:  Feuer?

 

A reicht K ein Feuerzeug. K zŸndet beide Zigaretten an und reicht A eine.

A setzt sich dann neben K, stellt die Kamera neben sich. Beide rauchen.

 

K:  Sollen wir weiter?  steht auf

 

A: Von mir aus. schaut auf ihren verbundenen Finger, hþlt ihn vor die Kamera

 

K fþngt an abzubauen. A kommt dazu und hilft ihr.

 

K schnappt sich die Kamera und dreht sie auf sich, T-Shirt Ÿber Mund und Nase gezogen, Finger zum Siegeszeichen vor der Kamera: Streets are ours! Make no mistake!

 

A schnallt sich die Plakattafel auf den RŸcken und geht los, K mit etwas Abstand mit der Kamera hinterher.

 

 

 

 

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