Immaterialitaet und …l

 

1973 wurde die Welt mit der ersten globalen Energiekrise konfrontiert. Diese so genannte …lkrise wird gemeinhin in Referenz zum Yom Kippur Krieg erklaert. Es gibt jedoch Anhaltspunkte, die darauf hinweisen, dass die …lknappheit inszeniert war Ð aus verschiedenen anderen GrŸnden, die ausfŸhrlich dokumentiert sind. [1] Die Krise stand in Zusammenhang mit einer Reihe škonomischer, politischer und kultureller Paradigmenwechsel und  war Ð beziehungsweise ist Ð als Teil einer grš§eren Krise zu betrachten. [2]

 

Zur Zeit der so genannten …lkrise intensivierten sich auf verschiedenen Ebenen die Diskurse um virtuelles Geld, immaterielle Arbeit und Konzeptkunst. Der Dollar wurde vom Goldstandard[3] losgelšst, der seit der Konferenz von Bretton Woods nach dem zweiten Weltkrieg galt. Er wurde von nun an eine virtuelle Waehrung[4], abgesichert lediglich durch das …lgeschaeft, blieb aber nach wie vor Leitwaehrung. Das …lgeschaeft war deshalb geeignet fŸr die Absicherung der Waehrung, weil der Bedarf an …l unflexibel ist und daher einen stabilen Faktor darstellt. [5] Die Industrie wollte nicht laenger auf die wachsenden Lohnforderungen der Arbeiterschaft eingehen. Sie konnte jedoch die Macht der Gewerkschaften nicht brechen, sondern nur umgehen, und suchte deshalb nach Mšglichkeiten der Automatisierung und der Verlagerung von Kapital und Produktion. Es kam zu einer Intensivierung des terziaeren Sektors, dem vor allem Dienstleistungen zugeschrieben werden. Die so genannte immaterielle Arbeit basiert auf den veraenderten Bedingungen von Produktion in dieser Verlagerung. Die Hauptressource ist nicht mehr Land, natŸrliche Ressourcen oder Arbeit, sondern Wissen. [6]

 

In der Kunst war das objekthafte der Moderne in Misskredit geraten oder als uninteressant deklariert worden. Was von nun an zaehlte, war die Idee. Es wurden Arbeiten produziert, die teilweise nur noch im Kopf existierten. [7] All diese Ebenen verband ein sich veraenderndes Verstaendnis von Produktion und Wertschšpfung. Sie indizierten gleichzeitig eine Situation der Krise. Um diese Krise zu verstehen, ist es nicht nur nštig, das Ende des Bretton-Woods-Systems und die Rolle des US-Dollars in der globalen …konomie zu betrachten, sondern auch den kulturell rŸckgebundenen Diskurs Ÿber den Wertverfall des Objekts und das wachsenden Interesse an der Idee der Immaterialitaet und Entstofflichung. Diese Idee barg ein gro§es utopisches Potenzial und steht doch nur scheinbar in Opposition zu den herrschenden Kraeften. Vielmehr stellen die verschiedenen Ebenen gemeinsam den Paradigmenwechsel hin zu immaterieller und entstofflichter Produktion dar. Die Energiekrise war Dreh- und Angelpunkt und Katalysator dieses Wechsels. Die durch die Anhebung des …lpreises um 400 Prozent im Jahr 1973 in kurzer Zeit entstandenen immensen Gewinne, die auch Petrodollar[8]  genannt werden, waren das Finanzierungsmodell dazu.

 

 

 

Erfahrung versus Wissen

 

 

ãIch erinnere mich an diesen Moment. Ich war noch noch ganz klein. Es muss irgendwie kalt gewesen sein, denn ich war ganz dick angezogen. Meine Schwester auch. Bei der standen immer die Arme so ab, wenn sie viele Klamotten anhatte. Ich glaube, sie hatte gerade laufen gelernt. Mir war die ganze Zeit eingetrichtert worden, dass man auf gar keinen Fall auf die Stra§e laufen darf. Und plštzlich war alles anders. Ich bin mit meiner Schwester einfach mitten auf der gro§en Stra§e vor unsrem Haus rumgelaufen. Und wir waren nicht die einzigen. Alle Leute waren drau§en. Wie ein Ausnahmezustand war das. Aber ein guter. Das hat sich mir eingepraegt.Ò

 

Am 25. November 1973 fŸhrte die so genannte …lkrise zum ersten autofreien Sonntag in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Das Fahrverbot betraf rund 13 Millionen Autofahrer. Ausnahmen galten nur fŸr Notfallfahrzeuge und bestimmte Berufsgruppen. Die Verordnung wurde auf drei weitere Sonntage im Winter 1973/74 ausgeweitet. Die leeren oder mit Fu§gaengern bevšlkerten Stra§en gingen durch die Presse und waren oft mit bedrohlichen Analysen einer internationalen Krise und der knappen …lvorkommen gepaart. Das fŸhrte einerseits zu Angst und Verunsicherung, denn die Grundwerte der modernen industrialisierten Gesellschaft waren unter anderem Wachstum und Mobilitaet. Diese schienen plštzlich begrenzt. Andererseits war die Erfahrung auf den leeren Stra§en spazieren gehen zu kšnnen und den Ort Stra§e komplett anders zu erleben, eine initiale Erfahrung fŸr škologisches Bewusstsein  und emanzipatorische Ansaetze von  Stadtraumnutzung. Bis heute gibt es zahlreiche Initiativen und Kampagnen fŸr autofreie Stra§en, die sich auf den ersten autofreien Sonntag berufen.

 

 

Plan fŸr eine Aktion

 

Einige Leute, Aktivistinnen, Kulturproduzentinnen oder Aehnliches, haben Material zu den politischen, škonomischen und kulturellen HintergrŸnden der …lkrise 1973 zusammengetragen. Sie haben das Material auf eine tragbare Plakattafel montiert, die sie drau§en aufstellen wollen. Die Plakattafel ist zum Zusammenklappen und laesst sich tragen wie ein Rucksack. Zwei von ihnen laufen eine Stra§e entlang. Es ist eine gro§e Stra§e, wahrscheinlich eine Autobahn. Die Stra§e ist leer. Es fahren keine Autos. Die eine der beiden, nennen wir sie A, traegt die Plakattafel. Die andere, K, filmt mit einer kleinen Videokamera. Sie entschlie§en sich, die Plakattafel aufzustellen. A klemmt sich beim Ausklappen den Finger ein und Ÿbernimmt deshalb die Kamera, waehrend K die Plakattafel aufstellt. Danach dreht K eine Zigarette fŸr A und fŸr sich selbst. Sie rauchen, sitzen auf der Stra§e und gucken auf ihre Plakattafel. Nach einer Weile klappen sie sie wieder zusammen. A schnallt sie sich auf den RŸcken, K Ÿbernimmt wieder die Kamera. Eine zweite Kamera filmt das Geschehen die ganze Zeit in der Totalen. Beide Akteurinnen tragen Funkmikrofone.

 

->  Dialog



[1] FŸr die Energiekrise von 1973-74 wird fŸr gewšhnlich der OPEC die Schuld gegeben; es war auch tatsþchlich die OPEC, die die Preise, die sie von den …lfirmen fŸr Rohšl verlangte, erhšhte. Die OPEC fþllte diese Entscheidung allerdings erst mit Zustimmung der saudiarabischen Regierung. Andere OPEC-Lþnder hatten bereits seit Jahren Preiserhšhungen gefordert, konnten sie allerdings wegen der Opposition der Saudis nicht durchsetzten.  Als grš§ter Produzent innerhalb der OPEC hatte (und hat) Saudi-Arabien tatsþchlich die Macht, das Kurzzeitpreisniveau  einseitig durch Entscheidungen Ÿber die eigene Produktion zu bestimmen. Aufgrund der Abhþngigkeit von der politischen UnterstŸtzung der USA hat die saudische Regierung ihre Produktions- und Preisentscheidungen immer in †bereinstimmung mit den Wirtschaftsplanern in den USA getroffen. Die saudische Zentralbank (SAMA) wird in Abstimmung mit dem US-Finanzministerium geleitet. Bis 1980 wurde die staatliche saudische …lgesellschaft, Aramco, von einer Gruppe von US-…l-Unternehmen geleitet. Nach 1980 wurde sie komplett verstaatlicht, wird aber immer noch in einer Partnerschaft mit den gleichen …l-Konzernen geleitet, der grš§te Teil des Management kommt aus den USA oder Europa. Die saudische Entscheidung, hšhere Preise fŸr Rohšl durchzusetzten kam erst, nachdem die US-Regierung grŸnes Licht gegeben hatte. Die US-Regierung begann den Saudis und der OPEC als Ganzes zu erklþren, dass die Preise fŸr Rohšl steigen sollten. (Die Rolle der USA bei der Preiserhšhung ist grŸndlich dokumentiert. Siehe V.H. Oppenheim: ÒWhy Oil Prices Go Up: The Past, We Pushed ThemÓ , Foreign Policy 25, Winter 1976; und Pierre Terzian: ÒOPEC: The Inside StoryÓ, London: Zed Press, 1985.)

Der Yom Kippur Krieg von 1973 wird gemeinhin als Grund fŸr den Anstieg des …lpreises genannt: die Arabischen Staaten wollten angeblich den Westen fŸr die UnterstŸtzung Israels bestrafen. Aber der Krieg hatten nichts mit der Mechanik des Preisanstiegs zu tun. Eigentlich war das arabische …l-Embargo so gut wie nicht vorhanden und der …lfluss war zu keinem Zeitpunkt ernsthaft unterbrochen. Der Preisanstieg wurde von der OPEC begonnen, aber die …l-Unternehmen erhšhten ihre Preise nochmal Ÿber das Nieveau der OPEC hinaus. Tatsþchlich erhšhten alle Unternehmen Ñ Gas, Kohle, Uran (oftmals ein und das selbe) Ñ ihre Preise teilweise erheblich Ÿber den Anstieg der …lpreise hinaus. Die Unternehmer im Energiebereich erzielten enorme Gewinne durch diesen Preisanstieg. Viel von den erhšhten  Gewinnen der Golfstaaten (Saudi Arabien und Kuwait im Besonderen) kam im Endeffekt zu den internationalen Banken und dem Aktienmarkt zurŸck. Bei diesem Vorgang, bekannt als Recycling von "Petrodollars", ging es um gewaltige Summen Ñ hunderte Milliarden Dollar Ñ und er beeinflusste nachfolgende kapitalistische Strategieplanungen. Zu dieser Zeit stellten sie diese Summen die grš§ten Geldstršme in der Welt dar. Diese neue Menge Investitionskapital erlaubte es den Kapitalisten die Automatisierung und Computerisierung der Fabriken von Nordamerika, Europa und Japan voranzutreiben. 

Quelle: ÒMidnight Oil in Oil, Guns and MoneyÓ, Midnight Notes Collective, Autonomedia 1992.

 

[2] ÒDie wahre Herausforderung beim Energieproblem ist nicht der Kampf mit Feinden von Au§en, sondern, wie bei den meisten Krisen der Vergangenheit, mit Feinden innerhalb unserer eigenen Gesellschaft. Um diesen Kampf gegen uns selbst fŸhren zu kšnnen, brauchen unsere Všlker eine geistige Einstellung wie zu Kriegszeiten. Sie sollten darauf vorbereitet sein, ihren GŸrtel enger zu schnallen und gemeinsame Opfer zu bringen Ñ denn es wird ein langer schwerer Kampf.Ó 

Quelle: Trilateral Papers No. 5, Trilateral Commission, 1974.

 

[3] Mit Beginn der 50er Jahre begannen die Vereinigten Staaten anhaltende Handelsdefizite zu erzielen. Daraus ergaben sich Verbindlichkeiten der Vereinigten Staaten gegenŸber anderen Zentralbanken, und zum Beginn der frŸhen 60er hatten die Vereinigten Staaten nicht mehr genug Gold, um diese Verbindlichkeiten zu decken. Um dieses Problem zu verringern, widerrief der Kongress der Vereinigten Staaten am 18. Mþrz 1968 die Anforderung, dass eine Gold Reserve die US-Wþhrung stŸtzen solle.  Doch noch konnte man US-Dollar gegen Gold tauschen. Das wurde allerdings zu einem ernsthaften Problem, als in den frŸhen 70ern die steigende US-Inflation zu einem Vertrauensverlust in den US- Dollar fŸhrte, was die Zentralbanken, vor allem die Franzšsische, veranlasste US-Dollar gegen Gold einzutauschen. Als Ergebnis verlie§en die USA den Goldstandard am 15. August 1971, als Prþsident Nixon bekannt gab, dass die Verinigten Staaten den Dollar nicht mehr lþnger zu einem festgesetzten Wert tauschen. (...)

Das Vorgehen Nixons unterminierte das System von Bretton Woods und lie§ den Internationalen Wþhrungsfonds, die Bank fŸr internationalen Zahlungsausgleich und die Welt Bank ohne jegliche andere Grundlage fŸr eine globale Geldpolitik, als sich auf den US-Dollar als Reservewþhrung zu stŸtzen. Von vielen wurde dieses Vorgehen, das jeglichen Anschein einer Mediations- oder Regulationsfunktion der Institutionen beseitigte, als imperialistisch eingestuft.  Sie waren tatsþchlich Marketingagenturen fŸr den US-Dollar und fŸr ein System, in dem andere Wþhrungen zwingend an ihn gebunden waren. Quelle: http://www.wordiq.com/definition/Gold_standard

 

[4] Papiergeld ohne Deckung oder "Fiat currency" (Ermþchtigungsgeld) ist Geld, dessen Wert von einer Regierung erklþrt wird, damit das Geld eine legale Tauschinstanz ist. Im Gegensatz zu Warengeld oder reprþsentativem Geld basiert es nicht auf einer Ware, wie Gold oder Silber, und ist auch nicht durch eine spezielle Reserve gedeckt. Die ausgebende Instanz verspricht die Mšglichkeit, mit diesem Geld zu bezahlen, es hat nicht notwendigerweise einen eigenen Wert. Sein Wert beruht auf den finanziellen Mšglichkeiten und der KreditwŸrdigkeit des Ausstellers. Im Jahre 2004 handelt es sich bei den meisten Wþhrungen auf der Welt um Papiergeld ohne Deckung.

 

[5] Um spekulative oder manipulative Angriffe gegen ihre Wþhrungen zu verhindern, mŸssen die Weltzentralbanken Dollarreserven erwerben, die genauso gro§ sind wie die Menge ihrer Wþhrungen, die sich im Umlauf befindet. Je hšher der Druck des Marktes ist, eine Wþhrung abzuwerten, desto mehr Dollarreserven muss die Zentralbank erwerben. Das wirkt wie eine automatische StŸtze fŸr einen starken US-Dollar, was wiederum die Weltzentralbanken veranlasst, mehr Dollars zu erwerben und zu halten, was ihn wiederum stþrkt.  Dieses Phþnomen nennt man auch Dollar Hegemonie. Sie entssteht aus der geopolitischen Besonderheit, dass entscheidende GŸter, vor allem …l, in Dollar gehandelt werden. Jeder akzeptiert Dollars, weil Dollars …l kaufen kšnnen.

Quelle: Henry C K Liu: ÒUS dollar hegemony has got to goÓ, Asia Times, April 11, 2002, atimes.

 

 

[6] Der †bergang zu einer Informationsškonomie erfordert (...) einen Wandel in der Qualitþt der Arbeit und in der Art der Arbeitsprozesse. Dies sind die unmittelbar wirksamen soziologischen und anthropologischen Implikationen beim †bergang vom einen zum anderen škonomischen Paradigma. Information, Kommunikation,

Wissen und Affekt spielen in dieser Hinsicht im Produktionsprozess eine fundamentale Rolle. Der erste Aspekt dieses Wandels betrifft, wie viele Untersuchungen bereits festgestellt haben, die Verþnderung der Fabrikarbeit; wþhlt man die Automobilindustrie als zentralen Bezugspunkt, dann handelt es sich um den †bergang vom fordistischen zum toyotistischen Modell. Der entscheidende Unterschied zwischen diesen beiden Modellen liegt darin, dass sich das System der Kommunikation zwischen Produktion und Konsumtion der Waren, das heisst

der †bergang der Information von der Fabrik zum Markt und umgekehrt, strukturell wandelt. Da die Produktion von Dienstleistungen auf nicht materielle und nicht haltbare GŸter zielt, kann die Arbeit, die in diesem Produktionsprozess verrichtet wird, als immaterielle Arbeit bezeichnet werden, das heisst als eine Arbeit, die immaterielle GŸter wie Dienstleistungen, Wissen oder Kommunikation produziert.

Source: Michael Hardt: ãAffektive ArbeitÒ, in Marion von Osten (Hg.): ãNorm der AbweichungÒ, ZŸrich.

 

 

[7] In den 60ern hat der anti-intellektuelle, emotional/intuitive Prozess des Kunstmachens, der typisch war, fŸr die vorherigen zwei Dekaden, sich hin zu einer ultra-konzeptuellen Kunst gewandelt, die fast ausschlie§lich den Denkprozess betont.  Nachdem mehr und mehr Arbeiten nur mehr im Atelier entworfen, aber andernorts von professionellen Handwerkern ausgefŸhrt werden, ist das Objekt nur noch ein Endprodukt, so dass viele KŸnstler das Interesse an der physischen Entwicklung der Arbeit verlieren. Das Atelier wird wieder zum StudierstŸbchen. Ein solcher Trend scheint zu einer grundsþtzlichen Entmaterialisierung der Kunst zu fŸhren, besonders der Kunst als Objekt, und wenn diese Entwicklung anhþlt, kann es dazu kommen, dass das Objekt als solches hinfþllig wird. Quelle: Lucy R. Lippard: ÒThe Dematerialisation of ArtÓ, in Art International 12/2.

 

[8] Im Zusammenhang mit meiner Studie zu sich abzeichnenden …lgewinnen, im Zusammenhang mit dem steilen Preisanstieg Anfang 1974, mšchte ich einen neuen Begriff einfŸhren, den der "Petrodollars". Es geht um US-Dollars, die aus dem Verkauf von …l gewonnen werden. Aus bestimmten historischen GrŸnden wurde und wird der …lpreis in US-Dollar festgesetzt.

Quelle: Dr. Ibrahim M. Oweiss: ÒPetrodollars: Problems and ProspectsÓ, Ansprache vor der Konferenz zur Weltwþhrungskrise,  Arden House, Harriman Campus, Columbia University, March 1-3, 1974.

 

 

 

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